Presse
31.08.2011, 18:09 Uhr | Westfälisches Volksblatt, Reinhard Brockmann
Brok: »Ein toter Wald ist kein Gewinn«
Bezirks-CDU warnt vor Nachteilen durch Nationalpark OWL
Bielefeld (WB). Ein Nationalpark würde Ostwestfalen-Lippe wirtschaftlich schaden sowie Wälder und Sennelandschaft gefährden. Zu diesem Urteil kommt die Bezirks-CDU nach Auswertung von Erfahrungen aus dem 1970 gegründeten Nationalpark Bayerischer Wald.
NRW plant einen Nationalpark im südlichen Teutoburger Wald, in der Egge bis nahe Altenbeken (hier eine ältere Kulisse) und langfristig in der Senne.
Nach Angaben der Unternehmensberatung Roland Berger sind nur in zwei von elf Nationalparks die Übernachtungszahlen gestiegen. Auch im einzigen NRW-Nationalpark Eifel sänken nach Angaben der Anliegerkommunen die Zahlen, teilte die CDU-OWL gestern bei einer Pressekonferenz in Schloß Holte-Stukenbrock mit.
»Regelrecht umgehauen« habe ihn, so Vorsitzender Elmar Brok, dass 80 Prozent der Besucher des Parks in Bayern nicht wegen des Waldes, sondern wegen touristischer Einrichtungen kämen. Wolfsgehege und Wipfelpfad seien die eigentlichen Ziele: Brok: »Mit Hermannsdenkmal, Externsteinen und Safaripark haben wir ohne Nationalpark mehr zu bieten.«
Die nicht zu stoppende Borkenkäferplage habe schockierende Bilder von abgestorbenen Bäumen und Baumstümpfen hinterlassen, ergänzte der Landtagsabgeordnete Hubertus Fehring aus Willebadessen im Kreis Höxter. »20 Prozent der Besucher mögen das interessant finden, der typische Waldbesucher erwartet etwas anderes.«
Rückläufige Besucher- und Übernachtungszahlen wie im Nationalpark Bayerischer Wald seien auch im Teutoburger Wald und in der Egge zu befürchten, sagte Brok. In Freyung-Grafenau sanken seit 2004 in nur fünf Jahren die Übernachtungen von knapp zwei auf 1,53 Millionen. Die Zahl der Gästeankünfte sackte von 346 000 auf 312 000.
Bayern koste der Park jährlich 12 Millionen Euro, sagte Brok. Lediglich fünf Millionen würden durch den Holzverkauf, vornehmlich nach Österreich, erwirtschaftet. Früher bestehende Sägewerke seien wegen Perspektivlosigkeit fast vollständig verschwunden.
In OWL besteht laut Brok die Gefahr, »dass Gäste des Heilgartens Deutschland sich von einem sterbenden Wald abgestoßen fühlen, zumal die Begehbarkeit rechtlich und faktisch eingegrenzt wird«. Gastronomische Betriebe würden auf Dauer Schaden nehmen. Angesichts der knappen öffentlichen Kassen seien die zu erwartenden Kosten und Einnahmeausfälle unvertretbar. In Sachen Naturschutz habe OWL zudem keinen Nachholbedarf.
Andreas Wulf, Bürgermeister in Augustdorf, bedauerte vor allem, dass nach den Erfahrungen in Bayern Bäume nicht alt, sondern spätestens nach 40 Jahren von Schädlingen befallen werden. Wulf: »Die versprochene Wildnis wird es erst in 50 bis 100 Jahren geben.« Die von der Landesregierung ins Auge gefasste Senne müsse vor allem die aus Amerika eingeschleppte spätblühende Traubenkirsche fürchten, sagte Wulf.
Die Heidelandschaft gehe verloren und großflächiger Urwald, den nicht einmal Touristen wollten, sei die Folge. Der drohende Verlust der Kulturlandschaft sei vielen nicht bewusst gewesen, als vor 20 Jahren der erste Landtagsbeschluss zur Errichtung eines Nationalparks für den Fall des Abzugs der Militärs aus der Senne gefasst wurde. Heute sei klar, dass der rechtliche Schutz der bestehenden FFH-Gebiete wohl ein Biosphärenreservat, aber nicht einen Nationalpark erlaube.

Kommentare
Nationalpark OWL

Praxis statt Gutachten


So faktenreich wie gestern hat die Bezirks-CDU ihre Ablehnung eines Nationalparks in OWL noch nie untermauert. Handfeste Erfahrungen aus 40 Jahren Nationalpark Bayerischer Wald stehen knallhart gegen Wunschvorstellungen.
Ganz klar: Das Großexperiment mit heimischen Wäldern und der von Menschenhand geschaffenen Senne kann scheitern. Ein Riesenurwald, der Touristen abschreckt und die Holzindustrie vertreibt, ist nicht ausgeschlossen. Die naiv-romantische Vorstellung von der heilen Welt eines alten deutschen Waldes wird der Borkenkäfer wohl erst in 100 Jahren erlauben. Auch das ein Preis, den nur Rot-Grün zahlen will.
Kurios: Touristen suchen gar keine Prozessschutzzone, den Ur-(wald-)Traum aller Biologen. Urlauber wollen Wipfelpfade und Wolfsgehege. Zumindest darin sind sich Gegner wie Befürworter einig. Das Landesgutachten zur Tauglichkeit von Teuto und Egge zählt im Kapitel Tourismus mit Externsteinen, Eggeweg, Falkenburg, Rothirsch und ähnlich viel Fledermausarten wie an der A 2 längst vorhandene Attraktionen auf. Elmar Brok hat recht: Die Highlights haben wir schon - ganz ohne Park. Reinhard Brockmann

Artikel vom 31.08.2011


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